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Geschichte der Winthirschule

Die Schule am Winthirplatz

Die Hirschbergschule war bereits sechs Jahre nach ihrer Eröffnung zu klein geworden. Deshalb mussten von dort im Jahr 1909 vier evangelische Klassen in die Dom-Pedro-Schule ausquartiert werden. An die Stadtverwaltung gelangte deshalb die Forderung nach einem weiteren Schulhausbau in Neuhausen. Es wurde entschieden, die Hirschbergschule in eine rein katholische Schule umzuwandeln und für die IV. protestantische Schule in München ein eigenes Schulhaus neu zu errichten.

Die Stadt besaß ein geeignetes Grundstück an der westlichen Ecke der Kreuzung Renata-/Nibelungenstraße. Dieses Areal war ursprünglich ein Acker, der zum “Traberhof“ gehörte, einem Neuhauser Bauernanwesen in der Jagdstraße 8. Die neue Schule erhielt den Namen “Schule am Winthirplatz“. Zwar gab es die Bezeichnung “Winthirplatz“ schon seit dem Jahr 1900, aber von einem Platz konnte damals eigentlich nicht gesprochen werden, weil sich auf der gesamten Fläche Gemüse-, Salat- und Gewürzbeete des Gärtnermeisters Peter Simeth befanden. Inmitten seiner Pflanzungen stand, als einziges Gebäude auf dem Platz, dessen Wohnhaus.

Den Auftrag für den Neubau der Schule erhielt der städtische Bauamtmann Robert Rehlen. Er entwarf einen stattlichen Zwei-Flügel-Bau mit ruhiger architektonischer Gliederung, der im Juli 1910 genehmigt wurde. Auf das Dach des östlichen Flügels kam ein kleiner Uhrenturm, die beiden Zifferblätter befinden sich an dessen Nord- und Südseite. Den Westflügel beschließen die Turnhallen. Der östliche Eingang ist als kleine offene Halle mit einem Balkon darüber gestaltet. Auf die Brüstung kam eine (heute schon etwas verwitterte) Steinfigur des Neuhauser Ortspatrons Winthir, und die Symbole für die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde umlaufen die Balkonbrüstung.

Über dem westlichen Eingang befindet sich ein steinernes Brustbild mit einem gekrönten Kopf. Die Krone stellt das italienische Castel del Monte dar und das Münchner Kindl ziert die Brust. Diese Gestaltung gibt Rätsel auf: Das Castel del Monte, im süditalienischen Apulien gelegen, wurde zwischen 1240 und 1250 unter dem Stauferkaiser Friedrich II. erbaut, dessen Leben aber nicht mit München in Verbindung gebracht werden kann. (Wohl aber dessen Großvater, Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Dieser hat mit dem “Augsburger Schied“ vom 14. Juni 1158 die Gründungsurkunde Münchens ausstellen lassen). Es scheint, dass Friedrich II., dem ein Ruf als Gelehrter anhaftet, als Symbol für Weisheit und Stärke verwendet wurde, und das Münchner Kindl als Hinweis auf ein städtisches Gebäude zu deuten ist.

In der westlichen Eingangshalle ist bis heute eine sehr schöne Heizkörperverkleidung aus farbigen Kacheln vorhanden, die von den Figuren “Adam und Eva“ bekrönt ist.

Neben den Schulzimmern erhielt das Gebäude ein Brausebad, eine Schulküche, zwei Schülerwerkstätten für Holz- und Metallbearbeitung, einen Zeichen- und einen Naturkundesaal und je einen Chemie- und Physikraum. Für Kinderhort und Kindergarten waren eigene Räume vorhanden. Der Schulhof wurde an der Westseite durch eine offene Wandelhalle begrenzt. Die nördlich anschließende Wiese wurde von der Stadt später dazugekauft.

Mit Beginn des Schuljahres 1912/13, am 6. September 1912, konnte das Schulhaus schlüsselfertig übergeben werden.

Rund 1.500 evangelische Kinder, die seit 1903 die Hirschbergschule besucht hatten, bezogen das neue Schulgebäude. Schulleiter wurde der Oberlehrer Karl Freytag. Im Schuljahr 1913/14 besuchten schon 1.730 Kinder die Winthirschule, deshalb teilte man sie in eine Mädchen- und eine Knabenabteilung. Karl Freytag übernahm die Mädchenabteilung und Oberlehrer Oskar Strobel war für die Knaben zuständig.

Im ganzen Haus hingen rund 200 Gemälde von Karl Freytag, die dieser der Stadt München geschenkt hatte, so dass die Schule bald als “Neuhauser Pinakothek“ bezeichnet wurde.

Die Stadtschulbehörde, damals geleitet von Stadtschulrat Georg Kerschensteiner, schickte zahlreiche in- und ausländische Delegationen in ihre “Paradeschule“ am Winthirplatz, um diesen das moderne, fortschrittliche Münchner Schulwesen vorzuführen. Einer Aufstellung ist zu entnehmen, dass über 8.000 Personen aus allen europäischen Staaten, außer Portugal, und allen Kontinenten, außer Australien, als Mitglieder von Studienkommissionen die Winthirschule besuchten.

Im ersten Stock befindet sich eine Gedenktafel für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer der Winthirschule. Am 23. Februar 1929 wurde diese Tafel feierlich enthüllt. Die Nymphenburger Zeitung “Neuhauser Nachrichten“ berichtete darüber Folgendes: Das von den Lehrkräften der 3 Schulen am Winthirplatz gestiftete Ehrenmal für die 6 Lehrer dieser Schule, die im Weltkriege gefallen sind, wurde am 23. Februar feierlich enthüllt. Vertreter der Stadt und Stadtschulbehörde, der Kirche, der Schulpflegschaften und Elternvereinigungen, Angehörige der Gefallenen, die Lehrkörper der 3 Schulen und sonstige Lehrkräfte und die obersten Klassen der Schulen wohnten der schlichten, aber eindrucksvollen Feier bei. Ein stimmungsvoller Kinderchor eröffnete den Festakt; Gedichte von Walter Flex folgten. Hauptlehrer Karl Conrad trug zwei Hugo-Wolf-Lieder eindrucksvoll vor. Ein Lehrerstreichquartett spielte einen Satz aus Haydn’s Kaiserquartett. Oberlehrer Karl Freytag entbot den Anwesenden einen Willkommensgruß, pries die Leistungen des gesamten deutschen Volkes im Weltkriege, namentlich die des Heeres und in Sonderheit die Heldentaten der Gefallenen, die ihre Treue zu Volk und Vaterland mit dem Tode besiegelten, enthüllte das von Bildhauer Adolf Walder in sehr feinsinniger Weise hergestellte prächtige Ehrenmal. Die Jugend ehrt die Helden und flicht den Lorbeer um ihre Namen, die mit goldenen Lettern in die Marmortafel eingegraben sind. Der Redner dankte mit innigen Worten den Helden, diesen leidgeläuterten Märtyrern, den heiligen Helfern der Zukunft, den Gottesmannen, die angetraut an den Altar des Vaterlandes, Priester und zugleich Opfer für alles Gute und Wahre geworden, und gelobte stetes Gedenken ihrer Heldentat. Sprechchöre der 8. Klasse brachten als Gelöbnis Arndt’s unvergessliche Worte über Vaterland und Freiheit zum Vortrag. Die eindrucksvolle Feier schloss mit dem Lied “Ich hatt’ einen Kameraden“ ab, das mit Mundharmonika-Begleitung in fein empfundener Weise zum Vortrag kam. Die zahlreichen Teilnehmer an der Feier waren sichtlich ergriffen“.

Seit Beginn des Schuljahres 1919/20 gab es neben der evangelischen Bekenntnisschule auch eine Simultanschule. Oberlehrer Friedrich Hager wurde deren erster Leiter. Die bisher in Mädchen- und Knabenschule getrennte evangelische Schule wurde zusammengelegt und von Oberlehrer Freytag geleitet. Im Jahr 1923 schließlich kam noch eine sechsklassige Hilfsschule dazu, deren Leiter bis 1937 der Oberlehrer Johann Schwendner war.

Bei den Kommunalwahlen am 15. Juni 1919 wurde der jüdische Arzt Dr. Miezyslaw Epstein (1868-1931), wohnhaft in der Aldringenstraße in Neuhausen, für die SPD in den Stadtrat gewählt. Als er den Vorsitz der Schulpflegschaft für die protestantische Konfessionsschule übernahm, wurde sowohl vom Kirchenvorstand wie auch von der protestantischen Elternvereinigung und ganz besonders von der Nymphenburger Zeitung “Neuhauser Nachrichten“ gegen ihn in übelster antisemitischer Art und Weise polemisiert. Wohlgemerkt, das passierte 1920, dreizehn Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Der Rektor der Mädchenabteilung, Karl Freytag, beantragte am 1. März 1927, die Schule nach dem Pädagogen und Didaktiker Johann Amos Comenius (1592-1670) zu benennen. Der Antrag wurde von der Stadt abgelehnt.

Im April 1932 wurde die Außenwand der Schule beschmiert („Wählt KPD Liste 6“), während im Innern die Nazis in einem Schulzimmer sämtliche Tische, Wände, Tafeln und Kalender mit ihren Parolen beschrieben hatten.

Schon 1931 mussten die jüdischen Schülerinnen und Schüler im Auftrag der Stadtschulbehörde erfasst werden, und in den Jahren 1935/36 wurde eine erneute Erhebung der “nichtarischen Schüler“ verlangt. Von den gemeldeten Schulkindern konnten sechs in verschiedene Länder auswandern, das Schicksal der anderen Kinder ist nicht bekannt. Die ehemalige Schülerin Karla Jülich wurde am 21. November 1941 in Kaunas/Litauen von den Nazis ermordet.

Am 8. Januar 1937 wurde verfügt, dass jüdische Schüler keinen Religionsunterricht mehr erhalten dürfen, und ab 1. April 1938 wurden Voll- und Dreivierteljuden von der Schule verwiesen, Halbjuden mit christlichem Bekenntnis blieben schulpflichtig.

Im Jahr 1936 wurde unter der Losung “Ein Reich – ein Volk – ein Führer – eine Schule“ die “Deutsche Gemeinschaftsschule“ eingeführt. Anlässlich des 25-jährigen Schuljubiläums im Februar 1938 sagte der damalige Schulleiter: “Von unseren Oberklassen, Schülern und Schülerinnen, trat schon 1933 ein sehr großer Prozentsatz den Gliederungen der Hitlerjugend bei. Im Jahr 1936 betrug die freiwillige Zugehörigkeit der Knaben zum ‘Jungvolk’ und der Mädchen zu den ‘Jungmädeln’ fast 97%. Und damit waren unsere Schüler fast ausnahmslos erfasst, und unserer Schule wurde das Recht zum Hissen der ‘HJ-Fahne’ zugesprochen“.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Schulgebäude unbeschädigt. Die Auswirkungen des Krieges zeigten sich vor allem daran, dass der Dachstuhl feuerhemmend angestrichen wurde, dass man auf dem Schulspielplatz 1943 einen Löschteich angelegt hatte und eine Luftbeobachtungsstelle im Turmaufbau der Schule eingerichtet wurde.

Am 5. September 1945, kurz vor dem Beginn des Schuljahres 1945/46, wurde das Schulgebäude in “Karl-Freytag-Schule am Winthirplatz“ umbenannt. Diese Namensgebung wurde jedoch nach einigen Tagen wieder rückgängig gemacht (siehe dazu Beitrag über Karl Freytag - berühmte Lehrer).

Die amerikanische Armee hatte 1945 das “Renataheim“ an der Jagd-/Renatastraße beschlagnahmt und darin das “Columbia Hotel“ eingerichtet. Von der Schulwiese wurde der östliche Teil abgetrennt, er diente bis 1985 als Parkplatz für die Amerikaner.

Ab 1946 kam das “Städtische Mädchenrealgymnasium München-West“ in die Winthirschule. Erst 1961 zog dieses Gymnasium in den Neubau an der Nibelungenstraße 51 um.

Am 14. Mai 1984 wurde das Bronze-Standbild des Namenspatrons Winthir, das sich am Eingang der Schule befindet, eingeweiht. Schöpfer des Denkmals war das im Neuhauser Künstlerhof lebende Bildhauer-Ehepaar Hans Vogl und Zenta Vogl-Zizler.

Zum 75-jährigen Jubiläum der Winthirschule im Jahr 1987 gab es eine große Feier. Neben vielen anderen Aktivitäten erschien dazu eine Festschrift und es wurde eine Ausstellung mit Bildern des früheren Oberlehrers Karl Freytag gezeigt.

Die Grundschule wird seit September 2009 von der Rektorin Eva Wobido geleitet, in der Hauptschule ist Rektor Thomas Häns seit dem Schuljahr 2007/08 im Amt. (Es war bei der Winthirschule leider nicht möglich, eine komplette Liste der Schulleiter seit 1912 zu erstellen).

Im Schuljahr 2011/12 besuchen 214 Kinder in 10 Klassen die Grundschule und 290 Kinder die Mittelschule.

 

Herzlichen Dank der Geschichtswerkstatt Neuhausen e.V. für die zur Verfügung gestellten Daten und Informationen und meiner Vorgängerin Frau Bumes für die Überarbeitung.



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